Autor Thema: Langzeitarbeitslos gleich Chancenlos?  (Gelesen 115 mal)

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27. Juli 2010, 09:08:31
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Langzeitarbeitslose empfinden sich in Deutschland als „vom Arbeitsmarkt” ausgesondert, als quasi chancenlos. Diese „Überflüssigen” wollen vielfach eine Lebensperspektive, eine Aufgabe oder Funktion, die ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit in der Gesellschaft vermittelt.
Sie wollen aber nicht benutzt oder ausgenutzt werden, sich als billige Arbeitsklaven oder Leibeigene, als „Menschen zweiter Klasse”  fühlen, auf deren günstige Arbeitskraft man nicht verzichten will.
So oder ähnlich definieren viele der Betroffenen ihr Verhältnis zu den „aktivierenden” Maßnahmen, die sie seitens der Arbeitsverwaltung unter „Androhung von Sanktionen” erleben. Es ist nicht weit her mit der „Freiwilligkeit” und dem „Engagement” für die Gesellschaft, wenn man Zwang ausübt. Zu häufig haben Betroffene erfahren, was soziale Ausgrenzung und Demütigung bedeutet. Wer nicht selbst einmal für längere Zeit im staatlichen Leistungsbezug war, wird kaum nachvollziehen können   was sich hinter den harmlos klingenden Begriffen der „Aktivierung” oder einer „Eignungs- und Trainingsmaßnahme” in Wahrheit verbirgt. Auch  hierin offenbart sich unsere Scheingesellschaft. Die wenigsten dieser als notwendig bezeichneten „Arbeitsmarkt integrativen” Maßnahmen, halten als angepriesene Angebote der Arbeitsverwaltung unterm Strich   betrachtet, dass was sie suggerieren. Zu viele „schwarze Schafe” tummeln   sich im Markt der Anbieter als Träger solcher Maßnahmen. Zu wenige   Kontrollen geben denen Sicherheit, die mit den Betroffenen ihre   Geschäfte machen, um selbst Kasse zu machen. Gewissensbisse haben sie   nicht, denn sie denken nur an ihren Reibach.
Demütigung und Entwürdigung von Langzeitarbeitlosen wird benötigt, um   deren Einverständnis abzupressen, sich jeder Form von Beschäftigung   unterzuordnen, um nicht sanktioniert zu werden. Die meisten lassen diese   Behandlung zu, weil sie den Kampf um ihre Grund- und Sozialrechte für   aussichtslos halten. Aber gerade in der letzten Zeit werden immer mehr   Urteile zugunsten Betroffener gesprochen und verfassungsrechtliche   Probleme durch gerichtliche Entscheidungen bestätigt. Die Regierung   bekommt Auflagen, der Willkür und den Rechtsbrüchen Einhalt zu gebieten.

Respektlose Politik ignoriert Grundsatzurteile
Wer sich die aktuellen Vorgänge seit dem Urteilsspruch von Karlsruhe   genauer anschaut, könnte leicht der Meinung erliegen, dass die Urteilsbegründung durch die Regierung schlicht ignoriert wird.Denn   Entgegen des Tenors des Verfassungsgerichtsurteils sehen die aktuellen Pläne der Regierung, die mit einer Fortsetzung der Agendapolitik dort   weiterzumachen scheint, wo die Regierung Schröder geendet hatte, gerade  danach aus, als ob sie die Warnungen der Karlsruher Richter nicht   versteht. Verschärfungen und weitere Drangsalierungen sollen der  „Arbeitslosenstatistik” Beine machen. Das menschliche Schicksal der   Betroffenen, die in einem Zwangskorsett aus Erpressung und Nötigung  gefangen sind, ist der Politik völlig egal. Ob jemand seine Wohnung oder   das Umfeld verliert, interessiert die Bürokraten nicht. Menschlichkeit  wird mit Paragraphen erschlagen. Deutscher Tradition folgend findet denn   auch jede Sachbearbeiterebene Argumente zur Begründung seiner  unmenschlichen Entscheidung. Humanität wird mit Sachzwängen abgetötet.
Moral muss man sich leisten können, Ethik wird nicht bezahlt
Immer mehr erfährt der Bürger, wie asozial unsere „soziale   Marktwirtschaft” sein kann, wenn man wirtschaftliche Interessengruppen  an die Regierung wählt. Immer offensichtlicher wird der Widerspruch   zwischen Vollbeschäftigung, Lohndumping, prekärer Beschäftigung und dem  Anspruch „von Arbeit   muss man leben können”. Wer Sachzwänge aus wirtschaftlicher Betrachtung  als Grundargument seiner Ablehnung gegen soziale Standards nimmt,   handelt nicht besser als jene, die in Unrechtsstaaten das Sagen haben   und danach handeln. Es kann keine Einschränkung der Ethik und Moral   geben, nur weil die sich diese nicht rechnet. Es kann auch keine   verhandelbaren Grundsätze für soziale Standards geben, weil man   Bevölkerungsgruppen unterschiedlich wertet.
Wer mehr Profite erwirtschaften will, muss entweder billiger   produzieren oder teurer verkaufen. Durch Absenkung der Lebensstandards   in Deutschland wird weder die Kaufkraft gestärkt oder die Konsumfreude,   noch werden mehr Menschen am Konsum beteiligt.
Wieder zeigt sich, dass die gut ausgebildeten Anführer des   internationalen Kapitals und der Konzerne in ihrer eigenen arroganten   Welt gefangen sind, die es unmöglich macht, zu verzichten.Dafür werden   sie weder von ihren „Gläubigern” bezahlt, noch könnten sie das   „schneller drehende Rad” aufhalten, denn sie selbst würden sehr schnell   vom Karassel herunterfallen.
Die neue Agenda setzt die Alte fort
Unter dem scheinbaren Vorsatz der sozialen Gerechtigkeit werden soziale   Standards umdefiniert, um staatliche Leistungen einer Gegenleistung zu   unterwerfen. Diese neue Form des Feudalismus, die als „Workfare”   bezeichnet wird, beendet rechtsverbindliche Ansprüche gegenüber dem   Staat.
Bereits in der Feudalzeit mussten die „Unfreien” für ein Stück Brot,   Fronarbeiten leisten. Letztendlich kamen diese aber nicht der   Allgemeinheit als solche zugute, sondern den Eigeninteressen der   Geldbesitzer als Fronherren. Aber anders als früher wird heute die  Bevölkerung miteinbezogen um die neoliberalen Argumentation zu stützen.   Soziale Gerechtigkeit soll es sein, wenn es ohne Gegenleistung keine   Leistung mehr gibt. Diese neue Moral wird uns als notwendig und   alternativlos täglich ins Ohr geblasen. In ihrer Umschreibung sagt sie:   „willst Du für die faulen und kranken auch noch zahlen” – denn das ist   asozial. Was soll dann mit diesen Menschen geschehen?
Sozialkarrieren als Merkmal der Menschenverachtung
Erwerbstätige sind gesellschaftlich wertvolle Bestandteil der Bevölkerung und was sind Erwerbslose?
Unter dem Aspekt des Sozialhilfebezuges gibt es schon seit längeren   Jahren die so genannten Sozialkarrieren. Wenn Menschen innerhalb einer   Generation oder auch übergreifend zur nächsten, überwiegend oder   vollständig, während der üblicherweise mit einer Erwerbstätigkeit   verbrachten Jahre (vom 18 bis 65 Lebensjahr) vom Sozialhilfebezug leben,   spricht man von einer Sozialkarriere. Sozialkarrieren kennt man seit   etwa 30 Jahren in Deutschland und diese bestehen im Wesentlichen durch   die seit Jahrzehnten verfestigende Sockelarbeitslosigkeit, in Verbindung   mit Bildungsmangel und Defiziten in der Sozialisierung. Wer seinen   Lebensunterhalt nie selbst verdient hat, kennt die Bedeutung der   Erwerbsarbeit nicht. In den Industriestaaten ist sie das Mittel zum  Broterwerb, für Wohlstand, gesellschaftliche Stellung, während   Erwerbslosigkeit das Merkmal des Abstiegs ist.
Unterschiedlichste Gründe führen letztendlich in eine Sozialkarriere.   Betroffene haben meist eine Odyssee vieler Abläufe hinter sich, die   auch in Zusammenhang mit ihrer Familiengeschichte stehen. Der Verlust   der Haupteinnahmequelle wirkt zerstörerisch auf die gesamte Lebensbiographie. Infolge wirtschaftlicher Probleme steigen in der Regel   auch persönliche und familiäre Probleme. Erwerbslose sind destruktiv, schlecht gelaunt und leiden unter chronischem Geldmangel. Vielfach   verlieren sie deshalb ihre sozialen Kontakte. Erwerbslosigkeit bedeutet   Stress.
Sensible Menschen verkraften solche Rückschläge nicht ungerührt. Wer   kein intaktes soziales Umfeld hat oder stabil in seiner Lebenshaltung  ist, fällt möglicherweise in einen tiefen Abgrund, aus dem er allein   kaum herausfindet. Sozialkarrieren sind in der Regel aber eben auch durch solche Leidenswege und einem damit verbundenen gesellschaftlichen   Abstieg gekennzeichnet.
Wer intensive persönliche Probleme hat, ist nur bedingt arbeitsfähig.   Solche Menschen benötigen Unterstützung und professionelle Hilfe, um für sich selbst wieder lebensfähig und möglicherweise wieder aktives   Mitglied der Gesellschaft werden zu können. Aber Behörden entscheiden zumeist aufgrund der Aktenlage. Wenn dann Arbeitsangebote oder die   Mitwirkung nicht ausreicht, wird sanktioniert. Infolgedessen vergrößern sich die Probleme noch. Vielfach sind Betroffene überschuldet, jeder   verdiente Groschen wird gepfändet. Wer ist da noch motiviert für irgendeine Arbeit? – Der Teufelskreis schließt sich.
Erwerbsarbeit ist in den Gesellschaften des 21. Jahrhunderts der   Schlüssel zur gesellschaftlichen Stellung für alle, die über kein   Vermögen verfügen, ebenso wie bereits seit dem 16. Jahrhundert. Zwar   sollen Sozialsysteme und Sozialleistungen die Menschen vor Armut   und Ausbeutung schützen, aber gerade darin versagen sie. Die deutschen   Sozialsysteme schützen ihre Bürger nicht mehr vor Verarmung und   Obdachlosigkeit, vor staatlicher Willkür und Drangsalierung schützen sie   auch nicht.
Wie Erwerbsarbeit instrumentalisiert wird
Wer staatliche Leistungen erhält, dessen „Arsch” gehört dem Staat. So   oder ähnlich müssen jene Interessengruppen denken, die im Sinne des   „Fördern und Fordern” Frondienste für die Gesellschaft abfordern. Dies   soll eine angeblich akzeptable Gegenleistung dafür sein, dass man sie   nicht verhungern lässt. Von wegen Menschenwürde. Die Begriffe der   Menschenwürde und der Teilhabe werden so umgedeutet, dass daraus   verhandelbare und einseitig definierte Inhalte werden, die Menschen der   Ausbeutung und Willkür aussetzen, jederzeit und mit neuer Argumenten.
Um dafür eine gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen haben die   neoliberalen Thinktanks wie z.B. die „Initiative Neue soziale   Marktwirtschaft”, die Bertelsmannstiftung und andere Interessengruppen   eine umfangreiche Medienarbeit angeleiert, die Ausdruck in der „stummen”   Haltung gegenüber dem Sozialabbau abbildet. Daraus kann man ableiten,   dass diese Kampagnen ihr Ziel erreicht haben.Unter „Teilhabe” ist ein   Anteil bzw. die Beteiligung am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess zu   verstehen, bis hin zu einem daraus ableitbaren Grundrecht. Auch dies   wird erfolgreich umgedeutet. Unter Teilhabe wird aktuell verstanden,   dass es sozial und gerecht ist, dass Bürger dieses Landes an den   negativen wirtschaftlichen Entwicklungen (Sparprogramme,   Steuererhöhungen) beteiligt werden, während es eher der gönnerhaften   Haltung entspricht, sie auch an positiven zu beteiligen   (Steuersenkungen). Teilhabe bei der Erwerbsarbeit wird nicht darunter   verstanden sondern der Arbeitseinsatz für die Gesellschaft. Die   Umverteilungspolitik der Regierung zugunsten des oberen Drittels der   Gesellschaft setzt sich auch in der Wirtschaftskrise fort und wird nun   mittels neuer Sparprogramme finanziert.
Was daraus folgt für Arbeitsmarkt und Gesellschaft
Die Umsetzung der neuen Gesetze zur Ausweitung öffentlich geförderter   Beschäftigung, dem Gesetz zur Weiterentwicklung der Organisation der Grundsicherung für Arbeitsuchende (als Jobcentergesetz bezeichnet) sowie   die Vorschläge zu geänderten Bedingungen der Übernahme der angemessen   Kosten der Unterkunft, verschärfen erneut die Lebenssituation von   Erwerbslosen. In Verbindung mit weiteren Gesetznovellen wird die   Umverteilung von Geld und Vermögen Zulasten von zwei Dritteln der   Gesellschaft vorangetrieben. Während sich die Lebens- und   Arbeitsumstände für alle nicht Kapitalbesitzer weiterhin verschlechtern   und das Europäische Parlament einen „Blauen” Brief nach dem anderen an   die deutsche Regierung schickt, ignoriert die Kanzlerin jede Kritik   durch aussitzen.
Fortwährend ignoriert der Gesetzgeber sämtliche Sozialstudien und   Analysen sowie die aktuelle Rechtsprechung von Gerichten quer durch alle   Sachgebiete. Auch das Verfassungsgerichtliche Urteil im Zusammenhang   von Hartz IV   wird kaum beachtet. Verbesserungen wie z.B. Kindergeld oder Elterngeld   sollen nicht als Verbesserungen für ALG2 Empfänger gelten, sondern   angerechnet. Jüngst wurde vom europäischen Gerichtshof das deutsche   Kündigungsschutzgesetz als Altersdiskriminierend kassiert, weil es erst   für Arbeitnehmer ab 25 Jahren Geltung haben soll.
Die Sparmaßnahmen der Regierung treffen besonders auch die   Arbeitsmarktpolitischen Bereiche wie z.B. Arbeitsvermittlung,   Qualifizierung sowie integrative Unterstützungsmaßnahmen. Den größten   Einsparbereich bietet bereits seit Jahren der Sektor Qualifizierung und   Weiterbildung. Zwar soll die neu zu schaffende Bürgerarbeit etwa 30.000   bis 50.000 Langzeitarbeitslose in eine staatlich finanzierte   sozialversicherungspflichtige Erwerbstätigkeit bringen, aber die   unsichere finanzwirtschaftliche Lage lässt vermuten, dass diese   Geldmittel nicht ausgeschöpft werden, um sie stattdessen für andere   Bereiche des Bundeshaushalt umzuschichten.
Eine wirkungsvolle Beschäftigungspolitik, in Verbindung mit einer   angepassten Fiskal und Steuerpolitik sowie einer sozial ausgewogenen   Wirtschaftspolitik ist und bleibt Fehlanzeige. Die Situation der   Erwerbslosen, insbesondere von Langzeitarbeitslosen wird weiterhin   ungehindert dem Wohlwollen der Wirtschaft überlassen, ohne   entscheidenden Einfluss zu nehmen.
So kann man es auch sehen
Die Kolateralschäden des Kapitalismus finden als Erwerbslose kein Gehör   im Sozialstaat, denn sie sind selbst Mitschuld an ihrer Situation, indem   sie ihren Arbeitgeber nicht überzeugen konnten, dass ihre Arbeitskraft   einen Mehrwert für das Unternehmen in dem sie gearbeitet haben   darstellte. Wenn sozial ist was Arbeit schafft, ist es nur logisch das   dies auch für Zwangsarbeit gelten muss, denn sie erfüllt doch den   Tatbestand der Teilhabe am Erwerbsleben, indem sie Menschen an eine   sinnfällige Bestimmung heranführt, in die sie sich diese einbringen   können und Gegenwehr ist also asozial.
Ach so?


Quelle: Duckhome
« Letzte Änderung: 27. Juli 2010, 09:12:04 von Schimanski »
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